Kennst du dieses kleine Nein in dir?
Du spürst es eigentlich ziemlich deutlich.
Du möchtest etwas nicht, es tut dir nicht gut, eigentlich ist es dir zu viel.
Und dann hörst du dich sagen:
„Ja, klar. Mach ich.“
Ich kenne das ziemlich gut und ich weiß inzwischen auch:
Dieses Ja kann verdammt teuer werden
Nicht unbedingt sofort, manchmal kommt die Rechnung erst viel später.
Ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist
Vor kurzem bin ich über einen Satz gestolpert:
„Alle Dinge, die man gegen sein Gefühl und gegen sein inneres Wissen tut, anderen zuliebe, sind nicht gut und müssen früher oder später teuer bezahlt werden.“
Ich blieb daran hängen.
Nicht, weil dieser Gedanke für mich völlig neu gewesen wäre, sondern weil ich inzwischen ziemlich genau weiß, wie sich dieses „teuer bezahlen“ anfühlen kann.
Mein inneres Wissen zu diesem Thema war eigentlich oft da.
Ich habe nur erstaunlich lange so getan, als hätte ich es nicht gehört.
Wenn das eigene Nein immer leiser wird
Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut.
Dieses kleine Ziehen, das sagt: Nein, das möchte ich nicht, nein, das tut mir nicht gut.
Nein, eigentlich ist mir das zu viel und trotzdem habe ich oft Ja gesagt.
Und manchmal auch einfach deshalb, weil ich mein eigenes Nein irgendwann gar nicht mehr richtig ernst genommen habe.
Es war schließlich nur ein Gefühl.
Mein Verstand hatte dagegen hervorragende Argumente.
Und mein innerer Araber? Der war begeistert: Augen zu, Zügel locker und los.
Irgendwie wird das schon gehen.
Ging es meistens auch, bis irgendwann mein Ackergaul auftauchte.
Mein Körper, und der ist inzwischen deutlich weniger diskussionsfreudig.
Helfen ist nicht das Problem
Ich helfe gerne.
Das gehört zu mir, und daran möchte ich auch gar nichts ändern, aber ich habe angefangen, auf einen kleinen Unterschied zu achten:
Tue ich etwas aus einem echten Ja heraus – oder sage ich Ja und verlasse mich dabei selbst?
Ich kann für jemanden da sein und mich danach warm, verbunden und erfüllt fühlen.
Ich kann äußerlich genau dasselbe tun und mich danach leer, erschöpft oder sogar ärgerlich fühlen.
Von außen sieht beides vielleicht identisch aus, aber innen liegen Welten dazwischen.
Das eine schenkt Kraft, das andere zieht sie mir Stück für Stück meinen Stecker.
Und lange habe ich diesen Unterschied überhaupt nicht bemerkt.
Pflichtgefühl kann sich verdammt vernünftig anhören
Das Gemeine ist nämlich: Sich selbst zu übergehen fühlt sich nicht unbedingt falsch an.
Im Gegenteil, es kann ausgesprochen vernünftig klingen.
Oh ja!
Schaffen konnte ich vieles.
Ich habe sehr lange sehr viel geschafft, aber irgendwann habe ich verstanden:
Etwas schaffen können und etwas tun wollen sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Und noch etwas:
Nur weil ich etwas aushalten kann, heißt das noch lange nicht, dass es mir guttut.
Dieser Satz hätte meinem inneren Araber vermutlich schon vor Jahren auf den Sattel gehört.
Die Rechnung kommt selten sofort
Die Rechnung liegt nicht am nächsten Morgen im Briefkasten.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir unsere eigenen Grenzen immer wieder übergehen können: Die Rechnung liegt nicht am nächsten Morgen im Briefkasten.
Ich kann mein Gefühl einmal ignorieren und nichts passiert, beim zweiten Mal vielleicht auch nicht.
Also mache ich weiter.
Ich funktioniere, passe mich an, erledige alles und halte durch.
Ich sage Ja, obwohl etwas in mir Nein flüstert.
Und irgendwann wird dieses Flüstern so vertraut, dass ich es kaum noch wahrnehme
Bis ich mich frage, warum ich eigentlich ständig müde bin.
Warum mich Kleinigkeiten plötzlich wütend machen und ich so oft gereizt bin.
Warum mir Dinge zu viel werden, die ich früher doch „locker geschafft“ habe.
Oder warum ich manchmal das seltsame Gefühl habe, in meinem eigenen Leben gar nicht mehr richtig vorzukommen.
Vielleicht ist genau das die Rechnung.
Nicht für ein einziges falsches Ja, sondern für all die kleinen Momente, in denen ich mich selbst verlassen habe.
Und dann hatte mein Ackergaul irgendwann endgültig genug.
Dann ging die rote Warnleuchte an.
Und plötzlich ließ sich mein inneres Wissen nicht mehr ganz so elegant überhören.
Heute darf mein inneres Wissen mit an den Tisch
Ich glaube übrigens nicht, dass Selbstfürsorge bedeutet, nur noch Dinge zu tun, auf die ich gerade Lust habe.
Schön wär's.
Es gibt Verpflichtungen, Kompromisse. es gibt Dinge, die getan werden müssen.
Und manche davon lösen bei mir auch heute keine spontanen Begeisterungsstürme aus.
Aber etwas hat sich verändert:
Ich möchte mich dabei nicht mehr automatisch selbst an die letzte Stelle setzen.
Wenn etwas in mir Nein sagt, möchte ich es wenigstens hören.
Ich will es nicht mehr sofort wegdiskutieren, nicht gleich erklären, warum es gerade nicht geht, sondern erst einmal hinschauen:
Oder sitzt da irgendwo noch eine alte Stimme, die glaubt, ich müsse lieb sein?
Angepasst, pflegeleicht, zuverlässig, möglichst niemandem zur Last fallen und für alles zuständig?
Allein diese Frage verändert für mich inzwischen erstaunlich viel.
Denn manchmal bleibt das Ja, aber dann ist es mein Ja.
Und manchmal wird daraus tatsächlich ein Nein und auch das darf inzwischen meines sein.
Vielleicht beginnt Selbstfürsorge genau hier
Nicht beim Schaumbad, nicht bei einer Kerze und auch nicht bei noch einer Entspannungsübung.
So schön all diese Dinge sein können.
Vielleicht beginnt Selbstfürsorge manchmal viel früher, bei einem ziemlich unspektakulären Satz:
„Eigentlich möchte ich das nicht.“
Und dann? Nichts.
Nicht sofort zehn Argumente hinterherschicken oder gleich relativieren.
Nicht erklären, warum man es natürlich trotzdem machen wird.
Nein, den Satz einfach einmal stehen lassen.
Eigentlich möchte ich das nicht.
Wie fühlt sich das für dich an?
Vielleicht ist dieses innere Wissen nämlich gar nicht der unbequeme Störenfried, für den ich es so lange gehalten habe und wahrscheinlich auch nicht egoistisch.
Es will es mir auch nicht sagen, dass mir andere Menschen egal sein sollen.
Nein, es versucht nur, mich daran zu erinnern, dass ich auch noch da bin.
Vielleicht beginnt Selbstfürsorge auch damit, die eigenen Grenzen wieder wahrzunehmen, bevor der Körper sie für uns ziehen muss.
Mein kleiner Leuchtturm in mir
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir dieses Bild.
Mein inneres Wissen ist ein bisschen wie ein Leuchtturm.
Es nimmt mir keine Entscheidung ab.
Es sagt mir nicht, welchen Weg ich gehen muss.
Und es verhindert auch nicht jeden Sturm.
Aber es leuchtet, manchmal ganz sanft, manchmal ziemlich penetrant.
Und wenn ich sehr lange so tue, als würde ich es nicht sehen, schickt es offenbar irgendwann meinen Ackergaul vorbei.
Heute versuche ich deshalb, früher hinzuschauen.
Das gelingt mir nicht immer und auch nicht perfekt, aber immer öfter.
Denn vielleicht besteht ein Teil meines Weges gar nicht darin, noch besser durchzuhalten.
Vielleicht geht es vielmehr darum, rechtzeitig zu merken, wann ich gerade wieder beginne, mich selbst zu verlassen.
Und inzwischen weiß ich:
Ich muss nicht mehr gegen mein eigenes Licht laufen, nur damit es für jemand anderen bequemer wird.
Und wie ist es bei dir?
Kennst du diese Momente, in denen du eigentlich längst ein Nein spürst – und trotzdem Ja sagst?
Vielleicht musst du daran heute noch gar nichts ändern.
Vielleicht reicht es fürs Erste, dein Nein überhaupt wieder zu hören.
Manchmal beginnt Selbstfürsorge nicht damit, sofort etwas anders zu machen, sondern damit, sich selbst wieder ernst zu nehmen.
Der Leuchtturm leuchtet. Den Weg gehst du selbst.
Nimm dir mit, was dir heute gut tut.
